• Ein Mädchen meldet sich in einer Klasse

Leben im SLW: Neu - Walburgisheim-Außenwohngruppe mit Kindertagesstätte in Nürnberg 

Nürnberg. Kinder, denen die Welt außerhalb ihres Gitterbettchens fremd ist, die weder Spielzeugautos kennen, noch Sprache entwickeln können: Manche Realität ist schwer vorstellbar – und noch schwieriger auszuhalten. Und doch gibt es solche Fälle immer wieder. Leidtragende sind Kinder, die eine Perspektive außer-halb ihrer Ursprungsfamilie und vor allem eine zweite Chance brauchen. „Leider gibt es immer weniger Pflegefamilien – jedoch einen riesigen Bedarf“, erklärt Annette Holz, Leiterin der Außenwohngruppen beim Walburgisheim in Feucht.

Eine Frau tanzt mit einem Jungen.

Heute ist sie zu Besuch im Nürnberger Norden, wo vor ein paar Monaten eine neue Wohngruppe sowie eine heilpädagogische Tagesstätte für Kinder im Vorschulalter eröffnet wurde: In einem denkmalgeschützten Gebäude mit Gartengrundstück und altem Baumbestand können Kinder ab drei Jahren in einer Art Ersatzfamilie beziehungsweise einem Zuhause auf Zeit aufwachsen: Drei Jungs und drei Mädchen leben hier im Kinderhaus „Bullerbü“ mit ihren Betreuer/innen an einem echten Wohlfühlort, der drei heilpädagogische und drei therapeutische Plätze bietet – für Gruppenleitung Christina Schaller und ihr Team eine Aufgabe mit viel Sinn. 

Wohlfühlen, wachsen, werden

Im ersten und zweiten Stock des Gebäudes hat jedes Kind sein eigenes Zimmer. Aus dem Bewegungsraum kommt Musik: Hier wird getobt und getanzt, gehopst und gesprungen. Als die Musik stoppt, versuchen die Kinder, in der jeweiligen Bewegung zu erstarren. Sobald einer losprustet, fangen alle ausgelassen an zu lachen. „Diese Kinder, die meist schon einiges hinter sich haben, so ausgelassen zu erleben, lässt einem das Herz aufgehen“, findet Christine Schaller. Sie freut sich über jeden einzelnen Fortschritt. Zumal viele geprägt seien durch ein gestörtes Bindungs- und/oder Sozialverhalten. „Die Kinder haben einfach verdient“, findet Schaller, „ein echtes Zuhause zu erleben: das Gefühl, abends ins Bett gebracht und vorgelesen zu bekommen.“ Bei manchen sitzen gleich beide Elternteile im Gefängnis oder sind aus anderen Gründen nicht in der Lage, ihre Kinder zu erziehen beziehungsweise ihre Elternrolle auszuüben. „Nicht selten stecken Alkohol- und Drogenkonsum dahinter“, erklärt Annette Holz. „Die Kinder sind die letzten, die etwas dafür können.“ 

In der Tagesstätte im Erdgeschoss hat im letzten Herbst eine neue Gruppe für Kinder mit besonderem Förderbedarf und teils gravierenden Entwicklungsverzögerungen aufgemacht. Acht Jungs zwischen drei und sechs Jahren, darunter einige autistische Kinder, werden hier von Leiterin Adina Reindler und ihrem Team betreut. „Da es ja vorher praktisch nichts gab – weder eine bestehende Gruppe, noch Räumlichkeiten, Team oder Konzept – musste alles neu entstehen“, erklärt die Sozialpädagogin. „So ein Prozess bringt gewisse Herausforderungen mit sich und braucht einfach seine Zeit, bis sich alles eingespielt hat.“

Emotionale Stabilisierung ist der erste Schritt.

Im ersten Jahr gehe es schwerpunktmäßig darum, sich kennenzulernen und herauszufinden, wer was brauche. Dass mittlerweile alle Kinder beim gemeinsamen Mittagessen am Tisch sitzen bleiben, sie mehr und mehr Regeln kennen und akzeptieren, sei ein harter Weg gewesen: „Viele hatten Schwierigkeiten im Umgang mit anderen Kindern und waren das Miteinander nicht gewöhnt“, erzählt Reindler. Nach und nach funktionierten Abläufe, und die Kinder begriffen sich zunehmend als Gruppe. Seither können die Erzieherinnen und Erzieher viele Fortschritte und positive Entwicklungen beobachten: Zwar sei der Morgenkreis noch „wuselig“, wie es Adina Reindler bezeichnet, doch es gebe mehr und mehr Möglichkeiten, Strukturen einzuführen. „Das ist für uns alle ein Riesenfortschritt, auf den wir wahnsinnig stolz sind: Wir erleben hier viele ganz wunderschöne Momente, besonders auch im Umgang miteinander.“ 

Auf dem großen Gartengrundstück, auf dem es viel zu entdecken gibt, können die Kinder – die aus der Wohngruppe und die aus der Tagesstätte – gemeinsam spielen. Vieles gibt es auszuprobieren: Hier können sie nach Herzenslust rutschen, schaukeln und klettern, rennen und Dreirad fahren, mit Wasser hantieren und im Sand spielen. „Bei allem versuchen wir, die Selbstständigkeit und auch die Selbstwirksamkeit der Kinder zu trainieren“, sagt Adina Reindler. „Sie sollen spüren, wozu sie in der Lage sind“, findet die Gruppenleiterin und Mutter zweier Kinder. Neben ihr steht ein kleiner Junge, der sich umständlich das Oberteil mit dem nass gewordenen Ärmel über den Kopf zu ziehen versucht. „Vieles können sie sehr wohl“, weiß Reindler, „und es ist ein echtes Erfolgserlebnis, wenn sie eben genau das merken.“ Zumal die meisten dieser Kinder (und auch Eltern) in anderen Kindergärten bereits „angeeckt“ seien und schwierige Voraussetzungen mitbrächten. „Wir haben anfangs viel Hilflosigkeit bei Eltern und Kindern gespürt“, so Reindler. Auch das galt es aufzufangen. 

Vormittags hat das Team der Tagesstätte und nachmittags das von der Wohngruppe Verstärkung von Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Mareike Holzmann. Jedes Kind unterstützt, fördert und begleitet sie pro Woche mit mindestens einer Fachdienststunde. „Außerdem berate ich die Eltern bei Bedarf und bin da, wenn sich Fragen ergeben“, erklärt Holzmann. Sie vermittelt auch externe Möglichkeiten der Unterstützung. „Einige der Eltern sind sehr dankbar“, so die Erfahrung des pädagogischen Personals in beiden Einrichtungen. Gleich zwei Jungs aus der Wohngruppe können die Tagesstätte im gleichen Gebäude besuchen. Unter einem Dach ergänze man sich prima und mache „Bullerbü“ gemeinsam zu dem, was es für die Kinder ist: einem Ort zum Wohlfühlen, Wachsen und Werden. 

Text/Foto: Ulrike Schwerdtfeger

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